„Seehalde“: Fischeparadies
Eine begeisternde Mischung aus Fisch und raffinierten Traditionsgerichten wird in einzigartiger Lage direkt am Wasser serviert. Plus: Herzliche Gastfreundschaft
Die „Seehalde“ bei Überlingen am Bodensee kenne ich seit langem – und war allein in den letzten Jahren über 30 Mal in dem Gasthaus, das die beiden Brüder Markus und Thomas Gruler führen. Es locken im Sommer eine begehrte Terrasse und ein eigener Strand sowie elegante Gasträume, wo ein äußerst zugewandter Service Maßstäbe setzt.
Ein Fokus liegt auf frischem Fisch aus dem See, vielfach bezogen von langjährig bekannten Fischern. Aber auch Klassiker der best-bürgerlichen Küche gelingen formidabel. Weil mich Fisch begeistert, wähle ich bei meinen meist mehrtägigen Besuchen mit Vorliebe alles, was schwimmt, und lasse es mir gerne konfiert zubereiten. So etwa der lachsartige Felchen, was in Bayern Renke und in Norddeutschland Maräne heißt. Ein sehr beliebter und schmackhafter Fisch, den Markus lediglich leicht flämmt und damit optimal zubereitet, was nur mit topfrischer Ware gelingt.
Elegante Zubereitung: Leicht geflämmtes Felchen
Gelernt hat Markus Gruler seine perfekte Kochkunst beim damals besten Fischkoch vom Bodensee: Klaus Neidhart, Patron vom legendären „Gottfried“ am Untersee. Klaus ist ein universeller Koch, der spielerisch alle Facetten des Handwerks beherrscht, von der schlichten Alltagsküche bis hin zum Fine Dining. Markus Gruler hat alles verinnerlicht, und er kann jetzt souverän mit den Stilen spielen. Auch hat ihn der Altmeister gelehrt, selbst aus weniger begehrten Zutaten Hochwertiges zu zaubern. So serviert er etwa das wegen seiner vielen Gräten gerne gemiedene Rotauge perfekt pariert als Matjes mit weißen Mandeln und Bärlauchöl. Ein Hochgenuss!
Schlichtfisch als Edelversion: Rotauge mit weißen Mandeln
Wer Fisch liebt, wird hier glücklich. Von Barsch (Egli) über Hecht bis Saibling, Wels und Zander habe ich hier die gesamte Palette an bestem Seefisch in den letzten Jahren genießen dürfen. Aber natürlich beherrscht der zu den besten Köchen am See zählende Küchenchef auch Fleisch. Da bringt er neben Klassikern wie Zwiebelrostbraten gerne auf den Tisch, was sonst zu wenig beachtet wird, etwa Kutteln und Zunge, was ich schon als Kind voller Freude genossen habe.
Begeistert hat mich das Züngle vom heimischen Lamm, subtil durch Teerauch veredelt und serviert mit Linsen aus dem umgebenden Linzgau. Aus eigener Erfahrung weiß ich, wie schwer es ist, Zunge zart und saftig zu kriegen. Hier gelingt es perfekt. Wunderbar.
Unfassbar zart und saftig: Züngle vom Salemer Lamm
Der Frühling ist die beste Zeit für Wildkräuter. Da sind sie noch klein und voller Vitalität. Wer so einen zart-bitteren Salat wie hier genießt, kombiniert ein einzigartiges Geschmackserlebnis mit umfassender Prävention.
Preiswerte und wohlschmeckende Gesundheitsvorsorge!
Wie gut, dass wenige Meter hinter dem Gasthaus auf einer geschützten Wiese so herrliche Schätze wachsen wie Brennessel, Giersch, Löwenzahn, Schafgarbe und Taubnessel. Welche Heilkraft allein in der brennenden Nessel steckt, habe ich in meinem Buch „TDM Traditionelle Deutsche Medizin“ beschrieben: Die Urtica dioica ist Blutbildner, Entzündungshemmer, Zuckersenker und Säureabführer. Ach ja, und die zündelnde Nessel „befördert die ehelich Werck“. Wobei auch Unverheirateten das verkannte Aphrodisiakum auf die Sprünge hilft!
Höchst vital den Frühling genießen: Wildkräutersalat
Klug komponiert war in der Seehalde schon immer die Weinkarte, die Domäne der „Weinnase“ Thomas Gruler. Hier begeistert eine breite Palette bester Bodensee-Tropfen von Aufricht über Clauß bis Geiger und Nack. Beeindruckend auch die Auswahl an Rieslingen und sehr eindrucksvoll das Ösi-Sortiment, wo ich mit Freude einen gereiften 2010er Riesling vom Kultgut Knoll für 140 Euro aus der Wachau wähle und Schluck für Schluck genieße. Eine Empfehlung von mir: Der 2022er Spätburgunder Römerberg vom Müllheimer Traditionsgut Dörflinger. Für 52 Euro ein echtes Schnäppchen! Nachhaltig verstärkt wird seit einigen Jahren die vinologische Expertise durch Fabian Bopp, der in einem österreichischen Spitzenhaus das souveräne Handling von großen Gewächsen aufs Beste erlernt hat.
Traditionsetikett, gereifter Tropfen: Weingut Knoll
Ausgezeichnetes Essen, bestes Trinken, aber die Magie der Seehalde speist sich noch aus einer anderen wichtigen Quelle: Der Belegschaft. Teilweise seit Jahrzehnten sehe ich jedes Jahr wieder die vertrauten Gesichter, und ich bewundere die uneitle Leistungsbereitschaft, wo alle wie selbstverständlich alles machen, wo sich niemand für eine Arbeit zu schade ist. Ein eingespieltes Team, dass es eine Freude ist und wo auch Neulinge aus ferneren Ländern sich bald wohlfühlen und zur „Familie“ gehören.
Markus Gruler ist derzeit auf der Höhe seines Könnens und präsentiert für faire 70 Euro einen herrlichen Dreigänger. Sein Bruder Thomas ist ein souveräner Gastgeber. Beide führen ein Gasthaus, das best-bürgerliche Küche mit herzlicher Gastfreundschaft amalgiert. Hingehen!
„Seehalde“ Birnau-Maurach 1, 88 690 Uhldingen, 07556/9221-0. Dienstag und Mittwoch ist zu. Sonst mittags und abends offen. www.seehalde.de
Der beste Fischflüsterer vom See: Markus Gruler